«Solarenergie in der Gunst der Stunde»
Die Schweiz produziert heute Strom aus Wasserkraft, Kernenergie, Photovoltaik und Wind. Dieser Mix wird sich in den nächsten Jahren allerdings verändern: Bis Mitte der 30er-Jahre sollen die Kernkraftwerke stillgelegt werden. Und bis 2050 strebt die nationale Energiestrategie eine Stromproduktion ausschliesslich aus erneuerbaren Quellen an.
Wie bisher wird die Wasserkraft den grössten Anteil zur Eigenversorgung beitragen. Fast die Hälfte des Inlandstroms soll mit Stauseen und Flusskraftwerken erzeugt werden. Wesentlich grösser sind dagegen die Erwartungen in die Sonne und den Wind: Die natürlichen Energiequellen müssen zusammen über 40 % des Eigenbedarfs liefern. Aber wie viele neue Wind- und Solarparks sowie alternative Kraftwerke braucht die Schweiz für die Energiewende? Und reichen die kommenden 25 Jahren für deren Ausbau überhaupt aus?
Es braucht von allen mehr
Wie viel Strom künftig produziert werden muss und wie viele Zusatzanlagen dafür erforderlich sind, schätzen der Bund und die Wissenschaft folgendermassen ab:
Stromkonsum +50%
Wärmepumpen, Elektrofahrzeuge und auch Serverfarmen werden den Stromkonsum um beinahe 50 % gegenüber heute erhöhen.
Staudämme
Mindestens ein Dutzend Staudämme sind zu erweitern, um keine Einbussen bei den Wasserkrafterträgen zu riskieren.
Photovoltaik
Die Photovoltaik ist derweil auf sehr vielen, kleinen bis grossen Flächen im Siedlungsraum und in alpinen Lagen auszubauen, um Strom auch ganzjährig erzeugen zu können.
Windparks
Grosswindparks braucht es ebenfalls: Um die Prognosen zu erreichen, muss die Zahl der Windräder im Vergleich zu heute fast verzehnfacht werden.
Der Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE) sammelt Informationen zu aktuellen Kraftwerksplänen. 150 Projekte sind bekannt, um erneuerbaren Strom zu produzieren. Neben Wasser, Sonne und Wind sollen auch die Biomasse oder die Tiefen-Geothermie vermehrt zur Eigenversorgung genutzt werden. Einen Überblick über die Ausbaupläne ist auf der VSE-Webseite einsehbar
Photovoltaik (PV): schneller Ausbau
Gute Nachrichten steuert die Solarbranche bei: Pro Tag werden etwa 150 PV-Anlagen installiert. Der jährliche Zuwachs liegt bei fast 2 Gigawatt (GW) Leistung. «Geht das Wachstum genauso weiter, sind die Ausbauziele eigentlich gut erreichbar», konstatiert Gianfranco Guidati, Vizedirektor des Energy Science Center (ESC) der ETH Zürich. Das hohe Tempo sei nicht erstaunlich; viele private Bauherrschaften machen beim Ausbau mit. Derzeit werden mehrheitlich freie Dachflächen mit Photovoltaik bestückt. «Solche Projekte sind schnell und einfach realisierbar», ergänzt der Energieforscher.
Der Ausbau steht faktisch still.
Windenergie: ein Stillstand
Bei der Windenergie herrscht im Vergleich dazu Flaute. «Der Ausbau steht faktisch still», beobachtet Guidati. Zwar sind schweizweit mehr als ein Dutzend Standorte für künftige Windparks im Gespräch. Doch einige Vorhaben etwa im Jurabogen sind seit über 20 Jahren blockiert. «Die geringe Akzeptanz in der Bevölkerung wird für die Windkraft zum grossen Nachteil», stellen die Akademien der Wissenschaften in ihrem Report zum «Schweizer Energiesystem 2050» fest.
Tatsächlich ging in den letzten beiden Jahren nur ein einziger Windpark, oberhalb von Andermatt, neu in Betrieb. Immerhin zeigt dieser, wie schnell ein solches Projekt – mit Zustimmung der Bevölkerung und der Umweltverbände – realisiert werden kann. 2019 wurden die Pläne publik. Sechs Jahre später war ein Betriebskonsortium gegründet, die Bewilligungen bei Bund und Kanton eingeholt sowie die beiden Windräder aufgestellt. Seit November 2025 erzeugen sie nun Strom. Zwei weitere Turbinen sollen an diesem Standort folgen.
Wasserkraft: langwierige unsichere Verfahren
Umstrittene Projekte und lange Verfahren verzögern auch den Aus- und Neubau von Wasserkraftwerken in den Schweizer Bergen. Zwar einigten sich Bund, Kantone, die Energiebranche und Umweltverbände am «Runden Tisch» auf 15 Speicherwasserprojekte, die in den nächsten 14 Jahren prioritär realisiert werden sollen. Ergänzt wird diese Liste durch das Repower-Projekt Chlus, das aufgrund seiner Bedeutung für die Winterstromversorgung ebenfalls als strategisch wichtig eingestuft wurde. Aber reicht die Zeit dafür aus, um jedes einzelne Vorhaben – inklusive Vorabklärung, Projektierung, Bewilligung, Konzessionierung und Bauarbeiten – umzusetzen? Zum Vergleich bieten sich zwei neuere Grossprojekte an.
Das erste Beispiel ist die neue Spitallammsperre am Grimsel. Sie ersetzt die alte Mauer seit September 2025. Die Bauarbeiten für das 113 m hohe und 212 m lange Ersatzbauwerk dauerten sechs Jahre. 13 Jahre waren dagegen nötig, um die Erweiterung des Linth-Limmern-Kraftwerks im Kanton Glarus zu planen und zu bauen. Zwei Jahre nahm allein der Rechtsstreit um die Bewilligung in Anspruch.
Auch der Bundesrat weiss, dass Wasserkraftprojekte langwierige Vorhaben mit schwer abschätzbarem Zeitplan sind. In einem aktuellen Bericht analysiert er das «Potenzial für Erneuerungen und Erweiterungen bei der Grosswasserkraft» und zählt als Unsicherheitsfaktoren unter anderem umweltrelevante Aspekte und das Konzessionsrecht auf. Nur schon das Konzessionierungsverfahren dauert bis zu zehn Jahre, was eine ergänzende Umfrage des Bundesamts für Energie ergab.
Tiefe Geothermie: Technologie als Herausforderung
Vor 14 Jahren begann ein Konsortium aus Schweizer Stadtwerken die Erkundung für das erste Tiefengeothermie-Kraftwerk der Schweiz. In Haute-Sorne im Kanton Jura soll Dampf aus dem Erdinnern zur Stromerzeugung genutzt werden. Doch ab wann dies geschieht, ist noch offen. Zum einen ist die Technologie in der Schweiz nirgends erprobt. Zum anderen «verzögern die Raumordnungsregeln und öffentlicher Widerstand den erwünschten Ausbau der Tiefengeothermie», sagt ESC-Vizedirektor Guidati. Er hält eine Nutzung der Wärme für Industrieprozesse oder in Wärmenetzen anstelle einer Stromproduktion für die sinnvollere Option.
Seine generelle Empfehlung für die Energiezukunft lautet deshalb: «Photovoltaik steht in der Gunst der Stunde. Das Momentum sollte verstärkt für die Produktion von Winterstrom genutzt werden. Dies wäre insbesondere auf Freiflächen mit optimal ausgerichteten Solarpanels gut möglich.»
Mehr Strom im Winter?
Um die kritische Winterstromlücke zu schliessen, setzt die Schweiz verstärkt auf alpine Photovoltaik. Da diese Anlagen oberhalb der Nebelgrenze besonders effizient arbeiten, lancierte der Bund vor drei Jahren den «Solarexpress». Dieses Impulsprogramm beschleunigt den Bau von alpinen Grossanlagen durch erleichterte Bewilligungsverfahren und gezielte Förderungen.
Auf «Madrisa» oberhalb von Klosters und mit «Sedrun Solar» gingen im letzten Herbst die ersten alpinen Solaranlagen in Betrieb.
Auch beim Solarpark am Flughafen Samedan scheint es schnell vorwärtszugehen. Nach knapp dreijähriger Vorbereitung liegt seit November 2025 eine Baubewilligung vor. Die Anlage soll Strom für 5000 Haushalte erzeugen, fast gleichmässig verteilt auf die Sommer- und Wintermonate.
Und falls nichts geht: Kernenergie?
Parallel zur Diskussion über den Ausbau von erneuerbaren Stromquellen wird über eine Aufhebung des Neubauverbots für Kernkraftwerke nachgedacht. Ob man damit Zeit gewinnt, haben die Akademien der Wissenschaft Schweiz untersucht. Ihre Antwort lautet: «Eher nicht.» Das Wissenschaftsgremium hält ein neues Projekt nicht bis 2050 realisierbar.
Für die reine Bauzeit wären mindestens acht Jahre zu veranschlagen. Viel länger dauern dagegen die politischen und gesetzgeberischen Prozesse, bevor ein neues Kernkraftwerk in der Schweiz in Betrieb gehen darf: das Anpassen gesetzlicher Grundlagen, Vorabklärungen von potenziellen Investoren sowie die Projektierung und das Einholen der Rahmen-, Bau- und Betriebsbewilligungen.